Kutzers Zwischenruf: Anziehungskraft Chinas wächst weiter

Hermann Kutzer

Amerika und China - Weltmächte, Wettbewerber, Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft und damit auch die beiden Pole für internationales Kapital. Nach dem Aufatmen über den Regierungswechsel in den USA gewinnt das „Look east“ wieder an Bedeutung. Die Märkte asiatischer Schwellenländer mit China als Kern finden auffallend große Beachtung durch weltweite Investoren. Deren Vordenker sind überzeugt, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft über die nächsten zehn Jahre rund 30 Prozent zum globalen Wachstum beitragen wird. Die Verschiebung der wirtschaftlichen Schwerkraft gen Asien ist also programmiert. Investoren sollten sich rechtzeitig positionieren, lautet in diesen Tagen die Empfehlung. Konkret ist damit eine zunehmende Gewichtung chinesischer Aktien und Anleihen angesprochen.

Übrigens: 2021 ist das Jahr des Ochsen (Büffels). Nach dem chinesischen Sternzeichen bestimmt der Büffel die Grundstimmung des Jahres. Es wird demnach ein Jahr, wie man lesen kann, in dem wir sehr strebsam, fleißig und diszipliniert sowie gute Problemlöser sind. Nach einem Jahr mit extremer Marktvolatilität dürften die Märkte auf dasselbe hoffen. In Asien ist der Optimismus für eine wirtschaftliche Erholung besonders groß.

Die Investment-Giganten von BNY Mellon Investment Management fassen ihre Zuversicht so zusammen: China hat die Infektionsraten erfolgreich gesenkt, die Wirtschaft stabilisiert und bereits jetzt seine Wirtschaftsleistung aus der Vor-Corona-Zeit übertroffen. Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der Industrie- und Schwellenländer dem Beispiel Chinas folgen und im zweiten Halbjahr 2021 das Vorkrisenniveau erreichen wird.

Längerfristig wird allerdings eine grundlegende Veränderung der Weltordnung mit einer langwierigen Deglobalisierung und einem Anstieg der geopolitischen Spannungen gesehen. Covid-19 habe den Übergang zu dieser neuen Weltordnung lediglich beschleunigt. Dieser These kann ich nicht folgen, denn Digitalisierung führt automatisch zur Globalisierung (das haben wir seit den 1980er Jahren gelernt) - eine Gegenbewegung ist unwahrscheinlich trotz des Teilthemas Verkürzung der Lieferketten. Schlüsselziele der chinesischen Wirtschaft wie Innovation, Selbstversorgung mit Schlüsseltechnologien und Förderung des Binnenkonsums werden stark vom Tempo der Digitalisierung abhängen. Covid-19 hat der Nutzung digitaler Technologien Schub gegeben, sowohl in Unternehmen wie in Privathaushalten. Bereits vor Covid-19 war China mit einem Anteil von 45 Prozent der E-Commerce-Transaktionen weltweit führend.

Wie können ausländische Anleger davon profitieren? Die Vermögensverwalter betonen, dass die Digitalisierung nicht auf den Handel beschränkt bleiben wird. Die Pandemie befördert die Digitalisierung in Sektoren, die körperlichen Kontakt erfordern, wie zum Beispiel Gesundheit, Bildung und Einzelhandel. Internetaktien aus China und anderen Schwellenländern, die einen Wachstumsschub durch das Virus erfahren und typischerweise hohe Cashflows generieren, können in diesem Umfeld interessante Anlagemöglichkeiten bieten.

Ich bin ja kein Freund des Rentenmarkts, zumal die Niedrigzinsen Anleihe-Investoren weiterhin vor große Herausforderungen stellen. Ein Blick nach China könnte die entsprechenden Sorgen jedoch etwas mildern, empfehlen Schweizer Strategen. Die Renditen von chinesischen Staatsanleihen - sowohl nominale als auch reale Renditen - stechen in einer Welt mit sehr geringen oder gar negativen Anleiherenditen positiv hervor, schreibt UBS Asset Management. Im Portfolio können diese Papiere als sicherer Hafen dienen. Trotz der starken Erholung der Wirtschaft sieht man keine drohende Gefahr von der Inflationsseite. Die Teuerung ist gering und scheint unter Kontrolle. Zinserhöhungen durch die Notenbank sind ebenfalls nicht zu erwarten. Auch chinesische und asiatische Unternehmensanleihen gelten als attraktiv. Sie werden mit einem deutlichen Risikoaufschlag gegenüber Bonds aus den USA und Europa gehandelt.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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