Kutzers Zwischenruf: The need for speed!?

Hermann Kutzer

Was haben Siemens, Tesla und die OECD gemeinsam? Doch, es gibt etwas - zumindest die in der heutigen Überschrift formulierte Forderung, die zugleich in Frage gestellt werden kann - und die letztendlich uns alle berührt. Dazu eine kleine Episode.

Es liegt Jahrzehnte zurück, als mich ein brillanter Physiker auf einem Empfang sinngemäß ansprach: „Kannst Du mir erklären, wieso an der Börse Siemens heute zig Millionen Mark mehr wert war als gestern - und das morgen wahrscheinlich schon wieder nicht stimmt?“ (Die Zahlen, um die es geht, habe ich längst vergessen). Stellen Sie sich die Szene heutzutage vor: Wie sollte man einem intelligenten Nicht-Börsianer die Kursbewegungen von Tesla und Bitcoin verständlich machen? Selbst der Dax zeigt mehr Muskeln, als es Experten noch vor wenigen Wochen vorhergesagt hatten.

Überall geht es mehr denn je um das (leidige) Thema Geschwindigkeit, um das Tempo von allem Möglichen und den (vermeintlichen) Zwang, sich den rasanten Veränderungen anzupassen. Aktienstrategen empfehlen jetzt eine rasche Rotation bei der Allokation, denn das Momentum spricht für Zykliker. Was heißt das? Der Schwenk von teuren Wachstumstiteln zu zyklischen Substanzwerten sollte Ende des Monats einen weiteren Schub erfahren, wenn viele Momentum-Fonds ihre Allokation anpassen. Diese Fonds werden nach festen Regeln gemanagt und investieren in Titel, die sich in der Vergangenheit - meist in den letzten zwölf Monaten - überdurchschnittlich gut entwickelt haben. Da die Zykliker und Substanzwerte die Rally nach dem Corona-Crash vor ziemlich genau einem Jahr angeführt haben, wird ihr Gewicht in Momentum-Fonds steigen: von rund 40 auf mehr als 60 Prozent. Dies dürfte vor allem zulasten von Gesundheits- und Softwaretiteln gehen, deren Anteil um zehn beziehungsweise sieben Prozentpunkte sinken könnte. Da nach der starken Performance von Momentum-Strategien in den letzten Jahren allein in den USA rund 20 Milliarden US-Dollar in entsprechenden Fonds angelegt sind, kann es bei Einzeltiteln durchaus zu Bewegungen kommen, wenn diese Fonds ihre Portfolios umstellen.

„The need for speed“ lautet die heutige Headline bei der OECD. Denn eine globale Konjunkturerholung ist in Sicht, hängt aber entscheidend davon ab, dass weltweit schneller geimpft wird. Die Schutzmaßnahmen und Abstandsregeln müssen dabei weiter eingehalten werden, so die OECD in der Zwischenausgabe ihres Wirtschaftsausblicks. In vielen Sektoren hat sich die Wirtschaft in den letzten Monaten belebt und an die Bedingungen der Pandemie angepasst. Die Impfkampagnen nehmen - trotz erheblicher Unterschiede - endlich Fahrt auf und staatliche Konjunkturmaßnahmen dürften für starke Impulse sorgen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Allerdings vergrößert die Pandemie das Wirtschaftsgefälle zwischen Ländern und Sektoren.

Allein diese Aspekte machen deutlich, was ich so oft wie möglich betone: Es kann als Konsequenz nicht nur eine einzige sinnvolle Strategie geben, denn es gibt natürlich

mehr als einen einzigen Anlegertyp und viele unterschiedliche Anlagephilosophien. Somit ist die Rotation in der Aktienstreuung nur (oder vor allem) den kurz- bis mittelfristig denkenden Anlegern nahe zu bringen. Beispielsweise würde ich als langfristiger Investor an erfolgreichen Pharma- und Healthcare-Aktien (bzw. entsprechenden Fonds) festhalten.

Dazu als Ergänzung: Die Experten für Verhaltensforschung (Behavioural Finance) von Oxford Risk warnen, dass das aktuelle Wirtschafts-, Steuer- und Börsenumfeld sowie der jüngste Aufwärtstrend von Krypto-Assets eine Situation geschaffen haben, in der das Risiko emotionaler Investitionen einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Sie schätzen, dass Anleger durch emotionale Investitionen auf lange Sicht durchschnittlich rund 3 % Renditeverluste pro Jahr erleiden. Wenn Anleger emotionale Investitionen tätigen, treffen sie ihre Entscheidungen auf Basis von Impulsen und Emotionen. Sie kaufen bzw. verkaufen Aktien auf Grundlage steigender und fallender Kurse. Machen Sie das auch so?

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Hermann Kutzer Hermann Kutzer Freier Wirtschaftsjournalist, Finanzmarkt-Kommentator

Hermann Kutzer ist der dienstälteste journalistische Finanzmarktbeobachter in Deutschland: Seit mittlerweile 50 Jahren beobachtet er die nationalen Börsen und internationalen Wertpapier- und Rohstoffmärkte. Davon war er gut drei Jahrzehnte lang für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig, zuletzt als Chefredakteur des Monatsmagazins „DMEuro“.

Seit 2007 bietet der Routinier seine Erfahrung freiberuflich an: Analysen und Kolumnen, TV-Kommentare, Vorträge, Moderationen und Kommunikationsberatung. Nach seinem Hörbuch „Verstehen Sie Börse!“ (Finanzbuch Verlag, 2008) erschien im Frühjahr 2012 als Kutzers Manifest im Börsenbuchverlag „Vom Raubtierkapitalismus zur Planwirtschaft?“ Zu seinem umfangreichen Web-Auftritt gehört seit einiger Zeit „Kutzers Marktplatz“ mit Beiträgen über die unterschiedlichsten Anlagemöglichkeiten. Außerdem ist im Frühjahr 2013 der neue Internet-Kanal KUTZER-TV auf Sendung gegangen.

Der Journalist und Publizist engagiert sich seit Jahrzehnten für die privaten Anleger und in diesem Zusammenhang für die Weiterentwicklung der Aktienkultur. Er betrachtet es als seine vorrangige Aufgabe, die Vermittlung von Wissen über die Zusammenhänge des Sparens und Anlegens zu unterstützen. Dabei ist der „Marktmensch“ ein bekennender Marktwirtschaftler, der mit großer Skepsis die zunehmende Regulierung der Märkte durch die Politik auf nationaler und europäischer Ebene betrachtet.

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