Melvin, Greensill und Archegos – die Spitze eines viel größeren Eisbergs

Bernd Schmid
Melvin, Greensill und Archegos – die Spitze eines viel größeren Eisbergs

Ende Januar hat ein kurz vor dem Bankrott stehendes Unternehmen die Schlagzeilen bestimmt. Ein epischer Short-Squeeze zwang den Hedgefonds Melvin Capital in die Knie. Und Broker wie Robinhood machten Schlagzeilen aufgrund nicht ausreichender Kapitalreserven, weswegen sie das Trading ihrer „Kunden“ stark einschränken mussten.

Anfang März erließ die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gegenüber der Greensill Bank ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot wegen drohender Überschuldung.

Noch in demselben Monat implodierte der vermeintliche Hedgefonds Archegos Capital. Dieser war aufgebläht mit Krediten in Zig-Milliarden-Höhe, weil man mit den 10 Milliarden an eigenem Kapital wohl nicht genug anstellen konnte. Noch dazu war er investiert in Unternehmen wie GSX Techedu, dessen Glaubhaftigkeit laut einiger sehr ernst zu nehmenden Kapitalmarktteilnehmern durchaus mit der von Wirecard vergleichbar ist.

Im Schlepptau dieser ganzen Ereignisse hängen die Banken, die diese Institutionen mit spottbilligem Fremdkapital versorgten und so diesen ganzen Wahnsinn erst möglich machten. Die Rechnungen wurden teilweise präsentiert in Form von Milliardenverlusten aufgrund der Abschreibungen auf diese Kredite.

Sind das schon die Vorläufer dessen, was als Nächstes kommt - ähnlich wie Lehman Brothers der Vorläufer der Ereignisse in der letzten größeren Finanzkrise war? Ich denke die Anzeichen dafür existieren.

Weitere Verrücktheiten

Zum gleichen Zeitpunkt strömen Mengen von Kleinanlegern an die Kapitalmärkte, wie man es wohl seit der Internetblase nicht mehr gesehen hat. Einige werden im Handumdrehen reich mit Call-Optionen auf Tesla. Zumindest wurden sie es bis vor Kurzem. Aber es kann ja noch weitergehen, geht es nach Cathy Woods ARK-Kursziel von 3.000 USD im Jahr 2025.

Das entspräche einer Marktkapitalisierung von schlappen 3 Billionen USD - ungefähr das Doppelte dessen, was Internetgigant Amazon heute wert ist. Eine der Annahmen ist, dass Tesla im Jahr 2025 10 Millionen Fahrzeuge ausliefern wird. Das sind mehr Fahrzeuge als Toyota oder VW ausliefern. Dass Tesla’s Marktanteil bei Elektrofahrzeugen in Europa laut einem Barclays-Bericht von rund einem Drittel Ende 2019 auf 10 % zu Beginn diesen Jahres gefallen ist, scheint dabei keine große Rolle zu spielen.

Aber in einem Unternehmen, dessen oberste Verantwortliche (CEO und CFO) ganz offiziell Titel wie „Technoking“ und „Master of Coin“ haben, ist wahrscheinlich nichts unmöglich.

Apropos Coins. Auch hier ist alles möglich. Eine Verzehnfachung virtueller Münzen innerhalb von nur einem Monat passiert derzeit schon einmal. Und das sind keine krassen Ausnahmen. Mein eigenes schnuckliges Kryptoportfolio zeigt mir aktuell eine durchschnittliche Rendite von 340 % an - bei einer durchschnittlichen Haltedauer von 206 Tagen. Und meine Kryptos habe ich lange nicht so sorgfältig ausgewählt wie meine Aktien …

Einige dieser Kryptos dürften den Wert haben, zu dem sie gehandelt werden. Manche sind aus meiner Sicht auch weiterhin unterbewertet. Aber sehr viele, wenn nicht die meisten, scheinen mir mittlerweile bereits deutlich über ihr Ziel hinausgeschossen zu sein. So groß die Chancen in dem Bereich sind, man sollte als Anleger auch die Risiken des Ganzen berücksichtigen.

All das passiert in einer Zeit, wo es realwirtschaftliche Turbulenzen in einem Ausmaß gibt, die ich selbst noch nie erlebt habe. Die fragilen globalen Lieferketten waren sowieso schon teilweise komplett durcheinander. Zu spüren ist das an den Kostenexplosionen für Fracht-Container. Wir Verbraucher spüren es an vereinzelt schon stark gestiegenen Preisen oder sehr schwer erhältlichen Waren wie zum Beispiel Druckertoner.

Außerdem werden einzelne Rohstoffe knapp. Allen voran scheint uns ausgerechnet der Mangel des Rohstoffs Plastik in einigen Wochen um die Ohren fliegen, wie im Internetportal Tichy’s Einblick zu lesen. Ohne Folien werde man “Waren nicht mehr für den Transport per LKW, Schiff oder Flugzeug verpacken können. Im schlimmsten Fall käme der Welthandel komplett zum Erliegen.“ Rein zufällig bleibt mitten in diesem Zustand ein riesiges Schiff auf einem der (oder dem?) wichtigsten Seehandelswege stecken und löst einen tagelangen Stau aus.

Börsenindizes wie den DAX stört all das scheinbar gar nicht - sie zeigen weiterhin Rekordmarken an. Daran kann offensichtlich auch ein drohender Megalockdown bei uns im Land wenig ändern.

Ich bin ganz offen und ehrlich. Das kann nicht mehr normal sein. Ich weiß nicht, ob das alles Anzeichen eines Tops an den Kapitalmärkten sind. Wirklich glauben tu ich das nicht - dafür sind Zentralbanken und mittlerweile auch die Regierungen viel zu spendierfreudig. Aber wenn ein Alan Greenspan schon im Jahr 1996 von einem irrationalen Überschwang an den Börsen sprach, dann würde mich mal interessieren, was das heute ist.

Die beste Zusammenfassung des Ganzen 

Um all das zusammenzufassen, möchte ich einmal mehr Anthony Deden zitieren. Er schrieb in seinem jüngsten Brief an seine Aktionäre zu alldem:

Der historische Aufschwung der Vermögenspreise hat zu neuen, epischen und surrealen Höchstständen geführt, nicht nur an den Aktienmärkten, sondern in allem, insbesondere im Bereich des Virtuellen. Es wird wieder von einer „neuen Wirtschaft“ gesprochen. Bewertungsmetriken sind verschwunden. Das Konzept des Gegenwartswertes („present value“) ist jetzt unendlich.

Wir leben in einer Zwielichtzone, in der die Vernunft außer Kraft gesetzt ist. Was den Zirkus noch verschlimmert, ist das völlige Fehlen einer Preisfindung, die durch den algorithmischen Handel, passives Indexing und massive Mengen an schuldenbasierter Liquidität unterstützt und gefördert wird. Kein vernünftiger Mensch kann mehr berechnen, was etwas wert ist. Der Zähler ist unendlich geworden. Was zählt, ist die Geldschöpfung durch die Zentralbanken - nicht die Gewinne, nicht die Produktion, nicht die Substanz. Letztendlich ist die Definition von „Investieren“ eine Farce geworden. - Anthony Deden

(übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version))

So kommt es mir tatsächlich oft vor, wenn ich versuche, einige meiner Lieblingsaktien auf unserer Beobachtungsliste zu bewerten.

Die Quintessenz daraus für uns Anleger 

Am Ende läuft es darauf hinaus, was ich seit Ende 2019 immer wieder versucht habe zu erklären. So schön die aktuelle Zeit für Anleger ist, die in den letzten 1 bis 2 Jahren und darüber hinaus bereits investiert waren, so bewusst sollten wir uns darüber sein, dass diese teilweise enormen Gewinne und unsere Erfahrungen in dieser Zeit nicht die Normalität sind.

Okay, wer weiß, vielleicht sind wir auch beim Investieren in einer neuen Normalität angekommen, getrieben von Niedrig-, Null- und Negativzinsen und der unerschöpflichen Macht der Druckerpressen in den Zentralbanken.

Ich kann allerdings nicht anders als vor dem Glauben zu warnen, dass dies ein nachhaltiger Zustand ist.

Das bedeutet allerdings bitte nicht, dass man jetzt als Anleger den Kopf in den Sand stecken muss. Immerhin ist der DAX seit meinem ersten mehr oder weniger tiefer recherchierten Artikel zu einer eventuell kommenden Rezession für Mitglieder unseres Newsletters im September 2019 um 23 % gestiegen. Der S&P 500 sogar um 37 %. Das kann durchaus so weitergehen und wir wollen diese Renditen nicht komplett verpassen.

Aber ich würde nach wie vor für besonders bewusste Anlageentscheidungen plädieren. Wir befinden uns nicht im März 2009 - wo man fast kaufen konnte, was man wollte, weil die Chancen-Risiko-Verhältnisse fast durch die Bank weg attraktiv waren aufgrund der stark eingepreisten Risiken.

Man sollte meiner Ansicht nach derzeit noch mehr als sonst ganz bewusst prüfen, welche zusätzlichen Risiken man in seinem Portfolio bereit ist einzugehen. Wer das tut, der hat sehr gute Chancen, sein Portfolio erfolgreich durch die nächsten Jahre zu bringen - so ungewiss die Zukunft derzeit auch ist.

Foto: Who is Danny / Shutterstock

Offenlegung: John Mackey, CEO von Whole Foods Market, einer Amazon-Tochtergesellschaft, ist Mitglied des Verwaltungsrats von The Motley Fool. Bernd besitzt Aktien von Amazon und hat Aktien von GSX Techedu leerverkauft. The Motley Fool empfiehlt Aktien von Tesla Motors. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Amazon und Tesla und empfiehlt die folgenden Optionen: Long Januar 2022 $1920 Calls auf Amazon und Short Januar 2022 $1940 Calls auf Amazon.

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Expertenprofil
Bernd Schmid Bernd Schmid

Herr Schmid ist Chefanalyst von The Motley Fool Deutschland und leitet den Newsletter Stock Advisor Deutschland mit dem Ziel, langfristig orientierten Anlegern zu helfen überdurchschnittliche Renditen zu erwirtschaften und bessere Anleger zu werden.

Bevor er im Jahr 2014 beim Deutschlandstart Teil des Teams von The Motley Fool wurde, begann er damit, als selbständiger Berater mittelständische Unternehmen rund um das Thema Finanzen, mit dem Fokus auf die Bilanzanalyse und Bilanzplanung, zu beraten. Vorher war Herr Schmid anderthalb Jahre als Manager für den innovativen Zahlungsdienstleister SumUp und für zweieinhalb Jahre bei der Detecon als Technologie- und Strategieberater für Telekommunikationsunternehmen weltweit tätig.

Herr Schmid ist CFA Charterholder, besitzt einen Master of Business Administration und einen Master of Science im Bereich Elektrotechnik von der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Diplom (FH) von der Hochschule Ravensburg Weingarten. Während seiner akademischen Zeit forschte Herr Schmid in den Bereichen Robotik und Nanophotonik.

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