Britische Inflation fällt auf 2,3 Prozent - Kommt Zinswende im August?

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- von Andy Bruce und Suban Abdulla

London (Reuters) - Nach jahrelangem Höhenflug fällt die Inflation in Großbritannien spürbar und ebnet den Weg für eine Zinssenkung im Sommer.

Die Verbraucherpreise erhöhten sich im April zum Vorjahresmonat nur noch um 2,3 Prozent, nach 3,2 Prozent im März, wie das Statistikamt ONS am Mittwoch in London mitteilte. Dies ist die niedrigste Rate seit Juli 2021. Von Reuters befragte Experten hatten allerdings mit einem noch stärkeren Rückgang auf 2,1 Prozent gerechnet. Mit dem abebbenden Preisdruck nähert sich die Bank of England (BoE) ihrem Ziel einer Inflationsrate von zwei Prozent.

An den Finanzmärkten wird allerdings damit gerechnet, dass die Notenbank mit einer Zinssenkung noch bis August warten wird und den wichtigen geldpolitischen Schritt noch nicht im Juni wagen wird.

"AUF NUMMER SICHER"

Denn der spürbare Rückgang der Inflationsrate im April war größtenteils auf niedrigere Energiepreise für Privathaushalte zurückzuführen. Der Preisauftrieb bei Dienstleistungen bleibt jedoch hartnäckig hoch: Mit 5,9 Prozent war er nur geringfügig niedriger als im März mit damals 6,0 Prozent. Experten hatten für diese von der Notenbank besonders beachtete Kennziffer einen stärkeren Rückgang auf 5,5 Prozent im April erwartet. Auch die Kerninflation, bei der die schwankungsanfälligen Preise für Energie, Nahrungsmittel und Tabak herausgerechnet werden, spiegelte den anhaltenden Preisdruck wider. Die Jahresrate fiel lediglich von 4,2 Prozent im März auf 3,9 Prozent im April. Experten hatte einen Wert von 3,6 Prozent prognostiziert.

EZB DÜRFTE ZINSWENDE VOR BOE EINLEITEN

Angesichts dieser Daten dürften die Währungshüter in London nach Ansicht des Ökonomen Michael Brown vom Online-Broker Pepperstone "auf Nummer sichergehen" und eine Zinswende bis Anfang August aufschieben. In der Euro-Zone stehen die Zeichen hingegen bereits für Juni auf Zinssenkung: Bundesbankchef Joachim Nagel sagte dazu im "Handelsblatt": "Wenn sich die jüngste Einschätzung des EZB-Rats durch die eingehenden Daten und unsere kommende Projektion bestätigt, ist es plausibel, dass wir im Juni die erste Zinssenkung erleben werden." Auch wenn die BoE bei der Zinswende aller Voraussicht nach der EZB den Vortritt lässt, dürfte sie mit einer ersten Senkung im August der US-Notenbank Federal Reserve zuvorkommen: Diese könnte wegen der hartnäckigen Inflation mit einem ersten geldpolitischen Schritt nach unten bis September warten, wenn die Finanzmärkte mit dieser Einschätzung richtig liegen.

Die BoE hatte die geldpolitischen Zügel zwischen Dezember 2021 und August 2023 insgesamt 14 Mal angezogen, womit der Leitzins auf das 15-Jahres-Hoch von 5,25 Prozent stieg. Der straffe Kurs hat mit dazu beigetragen, dass die Lebenshaltungskosten auf ein für die Briten erträglicheres Niveau gesunken sind. Noch Ende 2022 lag die Teuerungsrate auf einem 41-Jahres-Hoch von 11,1 Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht Spielraum für mehrere Zinssenkungen im laufenden Jahr.

Niedrigere Inflation und die Aussicht auf Zinssenkungen dürften frohe Kunde für Premierminister Rishi Sunak bedeuten, dessen Konservative vor den voraussichtlich im Herbst anstehenden Wahlen in Umfragen deutlich hinter der oppositionellen Labour Party liegen. Sunak sprach mit Blick auf die nachlassende Teuerung von einer Normalisierung und einem "großen Moment" für die britische Wirtschaft. Das britische Pfund legte nach den Inflationsdaten zum Dollar und zum Euro zu.

(Bericht von Andy Bruce and Suban Abdulla, Muvija M, Amanda Cooper, geschrieben von Reinhard Becker, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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