Deutsche Wirtschaft erleidet Schwächeanfall - Ausblick trübt sich ein

Reuters · Uhr

- von Reinhard Becker

Berlin (Reuters) - Die Hoffnungen auf einen Aufschwung in Deutschland haben zu Beginn des zweiten Halbjahres einen kräftigen Dämpfer erhalten.

Der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die hiesige Privatwirtschaft - also Industrie und Dienstleister - fiel im Juli auf 48,7 Zähler und damit erstmals seit vier Monaten unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Die Hiobsbotschaft kam vom Finanzdienstleister S&P Global, der am Mittwoch seine Firmenumfrage veröffentlichte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Sie hatten ein verstärktes Wachstum erwartet.

Der PMI-Index, der die aktuelle Entwicklung bei Umsätzen, Beschäftigung, Lagern und Preisen widerspiegelt, wird an den Finanzmärkten als Frühindikator für die Wirtschaftsentwicklung stark beachtet. "Die heutigen schwachen Zahlen setzen hinter die in vielen Prognosen für das zweite Halbjahr erwartete spürbare Erholung der Wirtschaft ein Fragezeichen", sagte Commerzbank-Ökonom Vincent Stamer. Deutschland war zu Jahresbeginn mit einem leichten Wachstum von 0,2 Prozent nur knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt, nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Ende 2023 um 0,5 Prozent geschrumpft war.

Die Wirtschaft erholt sich aus Sicht der Bundesbank allmählich und dürfte auch im Frühjahr leicht zugelegt haben. "Der Einkaufsmanagerindex deutet an, dass die Frühjahrsbelebung der deutschen Wirtschaft im Sommer vorerst zum Erliegen gekommen ist", so die Einschätzung von Robin Winkler, Chefvolkswirt für Deutschland bei Deutsche Bank Research. Der Ausblick auf die zweite Jahreshälfte habe sich somit deutlich eingetrübt.

WIRTSCHAFT IM EURORAUM WÄCHST KAUM NOCH

Das Barometer für die deutsche Industrie signalisiert, dass der Sektor seine Talfahrt im Juli überraschend beschleunigt hat. Die Dienstleister wachsen zwar hierzulande weiter, doch nicht mehr so schnell. Der überraschende deutsche Schwächeanfall lastet auch auf der Wirtschaft der Euro-Zone. Sie hat sich der Umfrage zufolge im Juli nur mit Ach und Krach in der Wachstumszone gehalten. Als Bremsfaktor erwies sich dabei auch, dass es mit Frankreichs Wirtschaft zum dritten Mal hintereinander bergab ging. Die übrigen von der Umfrage erfassten Länder vermeldeten hingegen erneut Wachstum, wenngleich die Steigerungsrate laut S&P Global hier so niedrig ausfiel wie seit Januar nicht mehr.

Wenn sich Deutschland als größte Volkswirtschaft der Euro-Zone schwertue, werde der BIP-Zuwachs des Währungsraumes insgesamt belastet, meint Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. Vermutlich müssten die Prognosen für das BIP-Wachstum im laufenden Jahr vielerorts nach unten revidiert werden.

Die Fachleute der Europäischen Zentralbank (EZB) hatten zur Zinswende im Juni in ihren Projektionen für 2024 ein Plus beim BIP von 0,9 Prozent erwartet. Zu der EZB-Ratssitzung im September, für die viele Investoren auf eine zweite Zinssenkung setzen, werden diese Prognosen für den Euroraum aktualisiert.

Die Wirtschaft zwischen Portugal und Zypern war aus Sicht der EZB im Frühjahr weiter auf Wachstumskurs. Es gebe Hinweise darauf, dass sie im zweiten Quartal zugelegt habe, wenn auch langsamer als zu Jahresbeginn, sagte EZB-Chefin Christine Lagarde nach dem jüngsten Zinsbeschluss. Die Wirtschaft im Währungsraum war im ersten Quartal um 0,3 Prozent gewachsen. Ende 2023 war das BIP noch um 0,1 Prozent geschrumpft.

(Bericht von Reinhard Becker; Redigiert von Hans Busemann; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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