Überblick grüner Wasserstoff: Warum will Covestro in Australien kaufen? – Nackenschlag für Plug Power, Air Products oder Siemens Energy?

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)

Der Dax Konzern stellt die Weichen für die Zukunft. Ein zentrales Thema dabei ist sicherlich die Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Dafür hat Covestro jetzt eine unverbindliche Absichtserklärung mit dem australischen Bergbaukonzern Fortescue Metals Group unterzeichnet, die in eine „umfassendere strategischen Partnerschaft“ zur Lieferung von grünen Wasserstoff enden soll. Die Tochter der Australier, Fortescue Future Industries (FFI), könnte demnach bis zu 100.000 Tonnen grünen Wasserstoff an die ehemalige Bayer-Tochter liefern. Die Lieferungen sollen an die Werke in Asien, Nordamerika und Europa gehen. Laut Covestro könnte der Dax-Konzern damit seine Treibhausgasemissionen um bis zu 900 000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr reduzieren. Für beide Seiten ein guter Deal. Aber warum bestellt Covestro den grünen Wasserstoff in Australien? Der vor allem mit Sonnenstrom hergestellte Wasserstoff solle mit Spezialschiffen transportiert werden, sagte ein Covestro-Sprecher. Die Corona-Pandemie zeigt aktuell, wie schnell es zu Problemen in der Lieferkette kommen kann. Trotzdem ordert Covestro nicht  vor Ort, sondern bestellt wohl zunächst in Australien.

Plug Power in Nordamerika 

Bereits im ersten Quartal des laufenden Jahres beginnt Plug Power damit Certarus, Nordamerikas führender Transporteur von komprimiertem Erdgas, mit grünen Wasserstoff zu beliefern. Über die integrierte Logistikplattform von Certarus und die branchenführende Flotte von Druckgas-Lieferanhängern soll der Wasserstoff dann sicher und direkt von den Produktionsstandorten bis zu den Endbenutzern von Plug Power und Certarus transportiert werden. Zunächst werden täglich bis zu 10 Tonnen grünen Wasserstoff geliefert. Bis 2025 soll die Produktion auf 500 Tonnen täglich hochgefahren werden und 2028 sollen es dann 1.000 Tonnen am Tag sein.

Air Products produziert in Saudi Arabien 

Der amerikanische Hersteller von Industriegase, ACWA Power und NEOM haben gegen Ende des Jahres ein Abkommen über fünf Milliarden US-Dollar für eine Produktionsanlage auf Basis erneuerbarer Energien für die Produktion und den Export von grünem Wasserstoff unterzeichnet. Das Projekt, dass weltweit zu den größten seiner Art gehört, wird 650 Tonnen für grünen Wasserstoff pro Tag für den globalen Verkehrsbereich bereitstellen und drei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Es soll 2025 in Betrieb genommen werden. Das 20 Megawatt-Großmodul für die alkalische Wasserelektrolyse der Thyssenkrupp-Tochter Uhde, die schon bald an die Börse gehen könnte, liefert die Basis für die Anlage.

Siemens produziert im bayerischen Wunsiedel 

Der Spatenstich ist Anfang Juli im vergangenen Jahr gefallen und bereits in diesem Sommer soll die Anleger bereits grünen Wasserstoff produzieren. Allerdings ist die Produktionskapazität zunächst deutlich niedriger als bei den vorherigen Projekten. In Wunsiedel sollen zunächst 1.350 Tonnen grüner Wasserstoff jährlich produziert werden.

 RWE will in der Ukraine und Lingen produzieren 

Der Versorger aus Essen und das ukrainische Energieunternehmen Naftogaz planen, zukünftig entlang der gesamten Wertschöpfungskette von grünem Wasserstoff zusammenzuarbeiten. Dafür wollen die Partner in der Ukraine produzierten Wasserstoff nach Deutschland exportieren. Die Zusammenarbeit wurde im August des vergangenen Jahres vereinbart.

Etwa zur gleichen Zeit sagte Sopna Sury, Chefin der Wasserstoffsparte von RWE Generation, zur  Nachrichtenagentur Reuters: „Wir wollen den Auftrag für den Bau des Elektrolyseurs (Standort Lingen in Deutschland) noch in diesem Jahr vergeben. Das könnte etwa im November sein.“ Allerdings wurde bis heute noch nicht bekannt, wer den Zuschlag erhalten könnte.

Die Auswahl wird immer größer

Das Covestro jetzt in Australien bestellen möchte, bislang gibt es ja nur eine eine unverbindliche Absichtserklärung unterzeichnet, ist kein Nackenschlag für Plug Power & Co. In einem Positionspapier des Branchenverbandes VCI aus dem Jahr 2020 heißt es, dass allein die deutsche Chemieindustrie jährlich gut eine Million Tonnen grünen Wasserstoff benötigt um Emissionsfrei zu werden. Daher könnte es sich mit grünem Wasserstoff ähnlich verhalten, wie mit Lithium. Wer zu sich zuerst große Mengen zusichern lässt, der kann entspannter in ein emissionsfreie Zukunft blicken. Hier hat Covestro jetzt einen Fuß in die Tür gestellt. Der Markt wird aber so groß werden, dass die oben beschriebenen Projekte, die bei weitem nicht alle sind, die aktuell in Planung sind, schnell Abnehmer finden werden.

Wasserstoff-Aktien durch US-Zinswende kräftig belastet

Bereits 2021 kannten die Werte aus der Branche fast nur eine Richtung – abwärts. Anleger, die zu Beginn des Jahres 2021 eingestiegen sind und nicht auf dem Höhepunkt Ende Januar die Reißleine gezogen haben, blicken jetzt auf ein Minus im Depot. Der zuletzt gestartet Erholungsversuch von Plug Power & Co wurde zur Jahreswende durch die neuen Pläne der amerikanischen Notenbank sehr unsanft abgewürgt, da viele reine Wasserstoff-Player nicht profitabel arbeiten und davon auch noch ein gutes Stück entfernt sind. Somit dürften es einige Unternehmen es in Zukunft schwerer haben sich zu finanzieren.

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Vergleichschart Plug Power, Nel, Ballard Power, ITM Power, McPhy seit 01.01.2021

Ein großer Kuchen mit immer mehr hungrigen Playern

Auf dem Weg in eine emissionsfreie Zukunft führt kein Weg an Wasserstoff vorbei. Aus diesem Grund wird die Nachfrage enorm steigen. Allerdings wird sich unter den ganzen Anbietern schon bald die Spreu vom Weizen trennen, da immer mehr Teilnehmer auftauchen, die viele Anleger so nicht auf der Rechnung hatten. Zum Beispiel hatte 2020, als ein regelrechter Hype um die kleinen Player aus der Branche ausbrach, niemand die Thyssenkrupp-Tochter Uhde auf dem Radar. Dieses Jahr könnte das Töchterchen der Essener noch Flügge werden und an die Börse gebracht werden.

Ausgliedern ist angesagt

Das der amerikanische Motorenbauer Cummins im Bereich Elektrolyseure ebenfalls eine gewichtige Rolle spielt, haben auch nicht viele Anleger auf der Rechnung. Die Amerikaner wären nicht schlecht beraten es Intel nachzumachen. Der Halbleiter-Produzent bringt seine Perle für „Autonomes Fahren“ – Mobileye – wieder an die Börse. Cummins könnte seine Wasserstoff-Aktivitäten, die Ende 2019 durch die Übernahme von Hydrogenics deutlich ausgebaut wurden, ebenfalls wieder an die Börse ausgliedern und damit neue Fantasie in der Aktie entfachen.

Linde, Air Liquid und und und 

Das schöne an grünen Wasserstoff: Dass Thema kann mittlerweile mit so vielen Aktien gespielt werden, dass für jeden Risikogeschmack etwas dabei ist. Konservative Anleger können es mit Linde, Air Liquid oder RWE spielen. Mein Favorit wäre hier aktuell das Papier von RWE.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Aber auch der Ölmulti Shell ist immer mehr bestrebt seine Wasserstoff-Aktivitäten auszubauen, um sich Richtung Emissionsabbau zu bewegen. Hier kann der Anleger aktuell gleich doppelt profitieren. Der hohe Ölpreis treibt die Aktie weiter an und zudem bringt die Umstellung Richtung Wasserstoff weitere Fantasie für die kommenden Jahre.

Kleiner, feiner und riskanter

Wer tiefer und spezieller in das Thema Wasserstoff eindringen will, der findet mit Plug Power, Nel, McPhy, Ballard Power, ITM Power eine Vielzahl von kleineren Unternehmen, die sich in der Branche tummeln. Eins haben dabei fast alle gemeinsam: Sie arbeiten nicht bzw. noch nicht profitabel. Hier ist das Risiko für den Anleger deutlich höher, da zum einen der Hype in der Branche vorbei ist und zum anderen noch nicht ganz abzusehen ist, wer sich am Ende tatsächlich am Markt behaupten kann. Eine Übersicht über die Unternehmen aus der Branche finden sie in unserer Mahlzeit Watchlist Wasserstoff, die sie kostenlos unter my onvista –>> https://my.onvista.de/ abonnieren können. Sie enthält 46 Werte und wird auch regelmäßig in unserem Youtube-Format Mahlzeit besprochen.

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Große Kooperationen eine gute Hilfe

Einige der „kleinen“ Wasserstoff-Player haben große Partner. So arbeitet PowerCell eng mit Bosch zusammen, ITM Power hat Linde an der Seite und Plug Power ist mit Amazon verbandelt. Somit haben diese Werte einen gewissen Vorteil. Trotzdem ist das Risiko bei den Werten weiterhin hoch, wie die Entwicklung von Plug Power zur Jahreswende gezeigt hat. Der Kurs hat sich von Mitte Oktober 2021 bis Mitte November 2021 fast verdoppelt, um danach wieder um mehr als 50 Prozent einzubrechen.

Alles wieder auf Anfang 

Plug Power ist aber nicht die einzige Aktie, die dieses Schicksal teilt. Viele der kleineren Werte haben von ihren Hochs kräftig verloren. Wer das Risiko trotzdem nicht scheut, der sollte jetzt genau beobachten, wie die Unternehmen sich im Jahr 2021 geschlagen haben. Plug Power gibt bereits am Mittwoch ein Business-Update. Das könnte die Aktie schon wieder etwas antreiben. Daher könnten mutige Anleger eine zweite Chance auf dem Weg zur Marke von 40 Dollar bekommen. In dieser Region dürfte die Aktie gut aufgehoben sein, wenn Plug Power seine bisherigen Pläne umsetzt oder Mittwoch noch ein wenig verbessert. Ein Papier zum verlieben auf lange Sicht ist die Aktie trotzdem noch nicht.

Von Markus Weingran

Foto: Alexander Kirch / shutterstock.com