Konjunktur und Aktienmarkt passen derzeit nicht zusammen

Wer an der Börse aktiv ist, will Gewinne machen. So einfach ist das Spiel. Und das soll dann noch möglichst schnell passieren. Dann greift die Gier um sich. Genau so etwas haben wir in den vergangenen Monaten an den Börsen erlebt. Viele Indizes sind, gezogen von nur wenigen Aktien, auf immer neue Rekorde angestiegen. Doch in dieser Woche setzte so etwas wie eine Trendwende ein. Ist das eine nachhaltige Entwicklung oder nur ein kurzer Stimmungsumschwung?
Schon seit Monaten greife ich an dieser Stelle immer wieder wichtige Stimmungsindikatoren wie die globale Fondsmanagerumfrage der Bank of America auf. Jetzt ist die Juli-Ausgabe raus – mit einem klaren Ergebnis: Die Fondsmanager bleiben optimistisch – auch wenn die Konjunkturaussichten auf Sicht der kommenden zwölf Monate deutlich zurückgekommen sind. Gleichzeitig rücken doch geopolitische Risiken in den Fokus. Dennoch zeigt sich der Optimismus der Fondsmanager an der weiterhin hohen Positionierung bei Aktien und der geringen Cashquote von nur 4,1 Prozent.
Aber die Luft wird aus markttechnischer Sicht doch immer dünner. Ein Beispiel dafür ist das Momentum an den Märkten. Das lässt sich gut an den gleitenden Durchschnitten ablesen. Notieren beispielswiese Indizes deutlich über langfristigen Durchschnitten, wie der oft maßgeblichen 200-Tage-Linie, zeigt das einen großen und in vielen Fällen sogar übersteigerten Optimismus. Beispiel S&P 500: Der Index notiert in diesen Tagen knapp zwölf Prozent über der 200-Tage-Linie. Das ist historisch betrachtet ein sehr hoher Wert.
Wirtschaftliche Lage und Börsenstände passen nicht mehr zusammen
Und zuletzt kamen auch von Seiten der Wirtschaftsdaten einige Negativmeldungen. Das lässt sich an einem weiteren spannenden Index, dem Cititgoup Economic Surprise Index, ablesen. Der Finanzinformationsdienst Bloomberg misst hier, inwiefern die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung mit den allgemeinen Prognosen übereinstimmt.
Weist der Index einen hohen Wert auf und steigen zudem die Kurse, passt das Stimmungsbild zusammen. Seit einigen Monaten jedoch geht die Schere bei den beiden Werten klar auseinander: Während die Börsen weiter steigen, ist zuletzt der Surprise Index massiv abgestürzt auf das niedrigste Niveau seit rund drei Jahren. Und das ist nur ein weiterer kleiner Hinweis auf bestehende Divergenzen an den Märkten – also Unterschieden zwischen wichtigen Faktoren.
Aber wie so oft bieten die Börsen kein einheitliches Bild. So haben sich die Gewinnschätzungen für die jetzt anstehende Berichtssaison in den vergangenen Wochen ganz klar auf einem hohen Niveau stabilisiert. Das zeigt auch wieder der Blick auf den S&P-500-Index. Noch Anfang April erwarteten die Experten des Datenanbieters LSEG einen Gewinnanstieg für das zweite Quartal 2024 um 10,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Jetzt liegt der Vergleichswert immer noch bei 9,6 Prozent. Vor einem Jahr lag der erwartete Anstieg noch bei -2,8 Prozent.
Steigende Unternehmensgewinne könnten positiv wirken
Neben der Zinsentwicklung sind es doch gerade die Gewinne der Unternehmen, die für Auftrieb an den Börsen sorgen – sofern sie steigen. Genau das erleben wir aktuell wieder. Allerdings darf der allgemein nach oben gerichtete Trend nicht darüber hinwegtäuschen, dass es derzeit auch etliche Firmen gibt, die ihre Prognosen zum laufenden Geschäftsjahr zurücknehmen. Vielleicht ist etwas Optimismus angesagt – aber dann doch keine Euphorie.
Hinweis: Urlaubsbedingt erscheinen in den nächsten drei Wochen keine Kolumnen von Heiko Böhmer. Die nächste Kolumne erscheint am 17. August.