Prüfung systemischer Risiken könnte Unicredit-Übernahme bremsen

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- von John O'Donnell und Francesco Canepa

London/Frankfurt (Reuters) - Die Bundesregierung sucht Insidern zufolge nach Möglichkeiten, wie der italienischen Großbank Unicredit bei einer möglichen Übernahme der Commerzbank Knüppel zwischen die Beine geworfen werden könnten.

Da der Bund keine rechtlichen Mittel sieht, eine Übernahme zu verhindern, ruhen die Hoffnungen auf der Bankenaufsicht Bafin. Diese muss den Antrag der Unicredit prüfen, ihren Anteil an der Commerzbank auf knapp 30 Prozent auszubauen. Dabei könnte ins Feld geführt werden, dass eine Fusion der beiden Institute ein Risiko für die Stabilität des deutschen Finanzsystems darstellen könnte, sagten mehrere Insider aus dem Umfeld der Bundesregierung und der Banken-Regulierer der Nachrichtenagentur Reuters. Den Einstieg genehmigen muss aber letztendlich die Europäische Zentralbank, die eine Konsolidierung der Bankenbranche für richtig hält.

Unicredit-Chef Andrea Orcel hatte mit seinem orchestrierten Einstieg bei der Commerzbank die Bundesregierung überrascht. Damit habe er Vertrauen verspielt, hieß es in regierungsnahen Kreisen. Mitglieder der Bundesregierung rechneten daher mit einer feindlichen Übernahme und wollten sich dagegen wappnen. Bislang werde indes nur vorsichtig nach Möglichkeiten gesucht, Orcel zu stoppen. Berlin wolle sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die Übernahme eines deutschen Unternehmens durch einen Rivalen aus dem Ausland offen zu unterminieren. Gerade ist die Lufthansa mit 41 Prozent bei der italienischen Fluggesellschaft ITA, der ehemaligen Traditionsmarke Alitalia, eingestiegen. Mittlerweile hat sich die Unicredit über Finanzderivate den Zugriff auf bis zu 21 Prozent an der Commerzbank-Anteile gesichert.

BERG AN STAATSANLEIHEN

Als Sorge wird in Berlin formuliert, dass eine feindliche Übernahme des deutschen Mittelstandsfinanzierers durch Italiens zweitgrößtes Geldhaus die finanzielle Stabilität gefährden könnte - hat die Unicredit doch milliardenschwere italienische Staatspapiere in ihren Büchern. Gerate Italien in eine neue Schuldenkrise mit unabsehbaren Auswirkungen auf seine Schuldverschreibungen, könnte der Bund die Zeche für die Rettung der neuen Großbank zahlen müssen, befürchten Kritiker des Deals. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin könnte nun entsprechende Risiken prüfen und sich gegen eine Übernahme in Stellung bringen, sagten mit den Überlegungen vertraute Personen. Die Unicredit sitzt auf italienischen Staatsanleihen mit einem Volumen von rund 40 Milliarden Euro - aber auch die kleinere Commerzbank hat solche Anleihen in ihren Büchern.

Die BaFin ist dabei bereits im Spiel: Die Bonner Behörde muss im Rahmen eines Inhaberkontrollverfahrens den Antrag der Unicredit prüfen, ihren Anteil an der Commerzbank auf knapp 30 Prozent auszubauen. Die BaFin gibt ihre Empfehlung dann an die Europäische Zentralbank (EZB) weiter, die das letzte Wort zum Antrag hat. Während die Regierung in Rom sich im Prinzip hinter eine Transaktion gestellt hat, hofft der Bund den Insidern zufolge darauf, eine Entscheidung über den Unicredit-Einstieg zumindest in die Länge ziehen zu können.

DELIKATER FALL FÜR DIE EZB

In der EZB dürfte eine auf Hindernisse für die Unicredit abzielende Taktik aber auf wenig Gegenliebe stoßen. In der Vergangenheit hatte sich auch die Bundesregierung immer wieder hinter eine europäische Bankenunion gestellt. Zudem setzt die Zentralbank auf europäische Zusammenschlüsse mit dem Argument, große europäische Banken könnten besser im Wettbewerb mit ihren US-Rivalen bestehen. Doch bleibt Deutschland wichtig für die Wirtschaft der Euro-Zone und hat auch eine mächtige Stimme innerhalb des EZB-Rats. Für die EZB könnte eine Übernahme der Commerzbank also ein delikater Fall werden - muss sie doch auch auf die Interessen zweier großer Staaten der Euro-Zone achten.

Die BaFin und die EZB arbeiteten eng zusammen, sagte ein Sprecher der deutschen Behörde. Die Bonner hätten das Recht, der EZB einen Vorschlag zu machen, ob dem Deal zugestimmt werden solle oder nicht. Das letzte Wort habe aber die Zentralbank. Diese stehe im steten Austausch mit nationalen Behörden, sagte ein EZB-Sprecher. Die Finanzministerien in Deutschland und Italien, die Commerzbank sowie Unicredit wollten sich nicht äußern.

(Geschrieben von Matthias Inverardi, redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bittean unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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