"Wenns hilft, soll man sagen: Merkel war es"

- von Andreas Rinke
Berlin (Reuters) - Nach einer Stunde hatte Angela Merkel die Auflistung all ihrer vermeintlichen Versäumnisse dann doch etwas satt.
"Wissen Sie, ich würde jetzt sagen: Wenns hilft, dann soll man sagen - Merkel war es", erwidert sie auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin der Moderatorin Anne Will, die ihr vorgelesen hat, was sie laut Kritikern in 16 Jahren Kanzlerinnenschaft alles versäumt habe.
Zu diesem Zeitpunkt ist Merkel bei der zweistündigen Vorstellung ihrer Memoiren "Freiheit", die am Dienstag in mehr als 30 Ländern gleichzeitig veröffentlicht wurden, schon in Betriebstemperatur. Denn sie hat das Buch zusammen mit ihrer langjährigen Büroleiterin Beate Baumann auch deshalb geschrieben, um ihre Entscheidungen aus der Zeit heraus zu erklären, teilweise auch zu verteidigen. Man merkt Merkel an, wie grotesk sie heutige Kritik an ihrer damaligen Politik teilweise findet.
"Die Tatsache, dass wir bis heute nur eine bewaffnete Drohne im Erprobungsbetrieb haben, die liegt echt nicht an mir, die liegt auch nicht an der CDU, sondern die liegt an denen, die früher dagegen waren", sagt sie und meint die Grünen und die SPD. "Und ich sage mal: Die Grünen habe ich in meiner Amtszeit jedenfalls nicht als Freunde des Bürokratieabbaus erlebt." Zudem hätten die Grünen jahrelang im Bundesrat verhindert, dass die Balkanländer als sichere Herkunftsländer eingestuft werden konnten. "Das hätte uns viele illegale Migration damals sparen können", platzt es aus Merkel heraus.
Dann fängt sich die 70-Jährige wieder und schiebt ruhig hinterher, dass es ja gut sei, wenn der ein oder andere dazugelernt habe. Aber immer wieder kommt Merkel an den Punkt, wo sie mahnt, dass man Entscheidungen von früher nicht aus dem heutigen Wissen heraus verurteilen sollte. Etwa in der Ukraine-Politik. Ja, der russische Überfall auf die Ukraine habe 2022 die Lage grundlegend verändert, sagte sie. Ja, sie habe den Krieg verhindern wollen, was letztlich nicht geglückt sei, räumt sie ein. Aber deshalb seien ihre damaligen Entscheidungen noch lange nicht falsch gewesen.
Das gelte auch für den Nato-Gipfel 2008, als sie zusammen mit Frankreich und anderen westeuropäischen Staaten verhinderte, dass die Ukraine den MAP-Status erhielt, die Vorstufe zur Mitgliedschaft. Denn damals sei zum einen die ukrainische Bevölkerung noch mehrheitlich gegen einen Nato-Beitritt gewesen. Zum anderen habe sie beispielsweise auch beurteilen müssen, ob die Nato selbst durch die Aufnahme sicherer werde. Das sei nicht der Fall gewesen.
Die heutige Kritik von Ukraines Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, den sie selbst als mutig lobt, hält Merkel auch im Zusammenhang mit dem von ihr mitausgehandelten Minsker-Abkommen für nicht fair. Es sei immer darum gegangen, die Ukraine nach der russischen Annexion der Krim 2014 zu helfen. Selenskyj selbst habe 2019 als neuer ukrainischer Präsident an dem sogenannten Normandie-Treffen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Russlands Präsident Wladimir Putin und ihr teilgenommen und sich zu allen Vereinbarungen bekannt. Dann habe aber die Corona-Pandemie dafür gesorgt, dass kein weiteres Treffen zustande kam. Und bis heute glaubt Merkel, dass die fehlenden direkten persönlichen Kontakte das Abdriften Putins noch unterstützt hat. Jetzt hält auch sie ihn für so gefährlich, dass Europa sich rüsten und der Ukraine helfen muss.
Bei allem Witz, den Merkel in den zwei Stunden im Deutschen Theater bei der Buch-Präsentation versprüht, merkt man ihr an, dass sie die Vorwürfe nicht kalt lassen. Die aus ihrer Sicht schiefe Darstellung ihrer Flüchtlingspolitik habe letztlich sogar den Ausschlag für das Schreiben der Memoiren gegeben. "Ich wollte die weitere Schilderung und Interpretation nicht allein anderen überlassen", schreibt sie in dem Buch. Gleichzeitig wehrt sich Merkel gegen den Vorwurf, sie räume keine Fehler ein. Sie gebe doch etwas zu, wie unzufrieden sie ihre Klimaschutzpolitik zurücklasse.
Und so locker Merkel bei der Präsentation über ihre Kindheit in der DRR plaudert: Es wird auch spürbar, dass sie Vorwürfe im Zusammenhang mit ihrer ostdeutschen Vergangenheit verletzen und empören - etwa als ihr 2020 in einem Artikel unterstellt wurde, sie sei eine "angelernte Bundesdeutsche und Europäerin".
Jetzt sei es aber befreiend, der Alltags-Politik nach 16 Jahren als Regierungschefin entronnen zu sein, betont sie. Als Will sie fragt, ob sie für die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine sei, lehnt Merkel deshalb dankend die Einladung ab, sich nochmals in die aktuelle Politik einzumischen. Sie endet lieber mit dem Satz: "Die Geschichte einer Kanzlerin entsteht aus der Vielfalt der Geschichten über die Kanzlerin, inklusive der Geschichte von der Kanzlerin und Frau Baumann über die Kanzlerin."
(Bericht von Andreas Rinke, redigiert von Birgit Mittwollen.)